Hinter den Kulissen der Plus Size Community – Interviewserie Teil 1

Meine Lieben,

schön, dass ihr wieder den Weg auf „Kurven und Kanten“ gefunden habt. Heute stelle ich euch etwas (zumindest für mich) sehr spannendes vor: meine neue Serie!  Im Laufe der nächsten Wochen werde ich euch anhand von Interviews zeigen wer in Österreich, Deutschland und der Schweiz so hinter der „Plus Size – Community“ steckt. Durch Miss Plus Size (in Deutschland, Österreich und der Schweiz), Fräulein Kurvig und der riesigen Mode- und Blogger-Szene, kommen da eiiiiinige tolle und facettenreiche Menschen zusammen, die hier einmal Platz für ihre Meinung bekommen sollen. Und was ich von anderen erwarte, sollte nicht bei mir halt machen. Daher ist die erste Fragerunde meine eigene. Ich hab mich quasi selbst interviewed 😀 Aber ich hoffe, dass meine Antworten euch Lust auf die, der anderen machen. Ich freu mich und los geht‘s:

Name:  Stephanie
Alter: 22
Wohnort: Wien (ursprünglich aus der Nähe von Braunschweig)
Hauptberuf: Studentin (Psychologie)
Konfektion: 44
Website/Blog/Sonstiges: http://www.stephanielueer.jimdo.com

  1. Wie bist du zum Plus Size Modeln gekommen?Immer wenn ich die Geschichte erzähle, dauert es eeeeetwas länger. Ich hab eines Abends (2013) im neuen Sheego-Katalog geblättert und stieß auf ein Gewinnsspiel. Man konnte eine Einladung zum Styling-Workshop in Hamburg gewinnen. Mehr aus Spaß versendete ich sofort über das Smartphone meine Bewerbung – mit Selfies und Ganzkörperfotos, die ich so parat hatte. Obwohl ich es bereits vergessen hatte, meldete sich ein paar Monate später Sheego und lud mich doch tatsächlich nach Hamburg ein. Es war ein tolles Event mit super Mädels (ich knutsch euch Naja durch meinen Studienbeginn in Wien trat irgendwann die ganze Geschichte in den Hintergrund, bis ich den Aufruf der „Plus Size Fashion Days“ Anfang 2015 las. Leider war das Casting direkt in meiner Prüfungszeit und ich konnte unter keinen Umständen Wien verlassen. Ich war echt traurig, da ich mich wieder an die tolle Erfahrung in Hamburg erinnerte, bis meine damalige Mitbewohnerin sagte „Na sowas wirds ja auch wohl in Wien geben!“. Stimmt nicht ganz, aber so beworb ich mich in einer Euphorie mit den Sheego-Bildern bei meiner ersten Modelagentur. Ja und so kam dann eins zum anderen. Model Republic Wien glaubte an mich, lud mich zum Gespräch, lies mich den Vertrag unterzeichnen… Es folgen viele TFP-Probeshootings (TFP= time for pictures; kostenlos und sinnvoll für Model- und Fotografen-Portfolio) zum Üben und nach und nach kamen Kooperationspartner hinzu und bisher noch 3 weitere Agenturen. Ich bin noch lange kein Profi-Model, aber so kommt man dazu vor der Kamera zu stehen: Glück, tolle Menschen, Spaß und Euphorie 😉
  2. Was waren die ersten Reaktionen aus deinem Umfeld? Gab es (auch) negative Reaktionen?Ganz ehrlich? Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Braunschweig. Modeln ist da wie der Wunsch später Prinzessin oder Popstar zu werden – Kleinkinder-Hirngespinste. Und wenn man Model sein will, dann muss man in der konservativen Sichtweise auch die allseits bekannten 90-60-90-Maße haben.
    Für meine Eltern war das erstmal schwer zu akzeptieren, dass das mein neues Hobby sein wird, doch je mehr professionelle Fotos sie von mir sehen oder von möglichen Aufträgen meiner Agenturen hören umso einfacher wird es für sie. Ich glaube, langsam haben sie sich damit abgefunden. Aber so ist das halt auf dem Dorf – alles was nicht handfestes Geld bringt, wird skeptisch abgetan. Ich bin da auch gar nicht böse.
    Aus meinem Freundeskreis oder auch ein paar Leute aus der Familie und im Dorf (wenn meine Mama auf meine Bilder angesprochen wird, schwankt ihre Reaktion immer etwas zwischen Unbehagen und Stolz :)) bekomme ich sehr viel positive Resonanz. Natürlich bekommt man auch mal vom entfernten Verwandten vom Freund eines Freundes eine kritische Email, aber die beantworte ich immer mit viel Interesse an der gegensätzlichen Meinung, da ich finde, wenn man nicht zurück Hated, können diese Menschen einem gar nix.

  3. Was ist deine Hauptmotivation zu modeln? Was magst du daran?Meine Hauptmotivation ist mein eigenes Selbstbewusstsein. Ich komme sehr eigenständig und selbstbewusst bei anderen rüber, aber geht es um meinen Körper und um mein Aussehen, so merkt man, dass es Zeiten gab, wo ich mich gar nicht mochte. Mit jedem schönen Foto allerdings und in der PlusSize-Community lerne ich mich selbst zu mögen. Nicht mich anzuhimmeln, aber zufrieden zu sein damit, was ich nunmal nicht ändern kann.
    Und es ist für mich auch eine noch weitreichendere Aufgabe, denn ich sehe wie viele Menschen daraus Kraft schöpfen sich selber so zu präsentieren. Ich will nicht zeigen, wie schön ich aussehe – es geht darum zu zeigen, dass ich ganz normal bin und trotzdem so aussehen kann. Folglich kann das jeder!! Ich sehe in meinem Studium oft, dass schlechtes Selbstbewusstsein oder Selbsthass die Basis für viele psychische Probleme ist. Und an mir selbst merke ich, wie schön das Leben sein kann und wie viel glücklicher man ist, wenn man nicht dauernd versucht es einer Norm recht zumachen und sich selber so akzeptiert wie man ist.
  4. Verdienst du damit „Geld“? Ist das eine Motivation – damit einmal Geld zu verdienen?Ganz ganz ehrlich? Es wäre mega schön damit richtig Geld zu verdienen. Denn man glaubt gar nicht, was auch ein TFP-Shooting „kostet“. Sicher, man hat keine Fotografen-Kosten, aber auch die ganze Vorbereitung und immer neue Outfits sind eine enorme Belastung für mein eh schon dauer-leeres Studentenkonto.
    Im Moment kann ich nicht sagen, dass ich reich damit werde. Aber es gibt ganz ganz tolle Angebote die ein kleines Taschengeld bringen oder auch super Kooperationspartner, die mit ihren Produkten/Kleidung etc. meinen Kleiderschrank leuchten lassen. Das ist doch schon mal was – und ich mach das erst seit Juni 2015 (mit Pausen). Als fashion-süchtiger Student ist Kleidung auch ein gutes Einkommen *lach*
  5. Was würdest du sagen unterscheidet dich von klassischen Models?
    Ich kenn gar nicht so viele klassische Models, ehrlich gesagt. Ich würde aber behaupten, dass ich mir meiner Imperfektion bewusst bin und daher diesen Schein vom perfekten, schönen Model nicht aufrechterhalten muss.
    Aber eigentlich wird von einem Plus Size Model gleiches erwartet wie von einer 90-60-90-Dame: man muss Sport machen, damit die Haut straff bleibt und weils einfach gesund ist; man muss sich gesund ernähren; man muss sich selber schminken können und das Equipment dazu haben, man muss einen Blick für Mode haben, ständig online auf dem Laufenden sein um keine Chance zu verpassen und man muss punktlich, gepflegt, freundlich, kommunikativ und organisiert sein. – achso und ganz wichtig: PROFESSIONELL. Kontakte sind Kontakte – Visagisten im Nachhinein runter zuputzen, zu beleidigen und das arrogante Model raushängen zu lassen (hab da grad nen Fall im Kopf) geht natürlich gar nicht. – Aber so hat mir meine Mama das eh nicht beigebracht.
  6. Wie stehst du zur Bezeichnung „Plus Size“?Ich habe kein Problem mit dem Terminus „Plus Size“, aber ich möchte, dass es nur in der Modebranche verwendet wird. Normal Size dort ist dort Konfektion 32-36 (das können wir jetzt blöde finden, aber so ist das halt noch in den Köpfen vieler Designer – vielleicht ist ja der Stoff knapp ;)) und daher ist 38plus „Plus Size“. Es ist eine Richtline für Booker und Agenturen – kein Stress.
    Plus Size als Mensch gibt es für mich aber nicht. Im wahren Leben gibt/sollte es keinen Standard geben – keine Norm. Daher sollte es auch keine plus-Norm Menschen geben. Ich bin ein PLUS SIZE Model, aber eine „kräftige“ oder im österreichischen „festere“ Frau 🙂 kein Problem damit. Nicht second class – einfach nur offensichtliches Kriterium.
  7. Hast du, obwohl du Model bist, persönliche „Problemzonen“, die du nicht so magst?ABSOLUT! Es gibt auch einen körperlichen Umfang in dem ich mich am wohlsten fühle. Hab ich mal wieder durch Stress oder Feiertagsessen zugenommen, muss das wieder runter. Es gilt ja nicht: je dicker umso besser. Es geht darum, dass ich mich wohlfühle. Und das darf man sich auch, wenn man nicht perfekt ist – gerade dann, denn Perfektion ist nur ein „motivationales“ Hirngespinst. Ich find zum Beispiel meine Oberschenkel zu dick (liegt in der Familie – besten Dank auch) und meinen Hintern zu breit. Achso und ich sollte ein bisschen mehr Pilates für meine Arme machen. 😀
  8. Was magst du an dir besonders gern?Ich mag eigentlich mehr meine „Softskills“. Ich mag, dass ich schnell Freunde finde – wo immer ich bin. Meine leuchtende Ausstrahlung (wie eine liebe Freundin letztens sagte), die Menschen sehr schnell Vertrauen zu mir fassen lässt. Joa und an meinem Gesicht hab ich auch nicht viel auszusetzen. *lach*

  9. Würdest du sagen du liebst dich so wie du bist?Nein! Ich arbeite ständig daran. Es gab Zeiten, da kam ich gar nicht mit mir und meinem Körper klar. Ich bin auf dem Weg der Besserung und möchte daher anderen, die auch endlich glücklich mit sich sein wollen, zeigen, dass man das lernen kann und sollte. Wir haben schließlich nur dieses eine Leben.
  10. Woher glaubst du kommt der Unterschied im Selbstwert von Menschen?Ich glaube, das hat viel mit Erziehung zu tun. Nicht böswillig – da ich glaube, dass jemand, der mit sich nicht ganz zufrieden ist, auch seinen Kindern das nicht vermitteln kann. Und es ist ein gesellschaftliches Problem, denn mag man sich offensichtlich, dann gilt man oft als arrogant oder eingebildet und „Bescheidenheit ist [doch] eine Zier“. Diese Unzufriedenheit spitzt sich zu und ich hoffe diesen Teufelskreis bei meinen eigenen Kindern durchbrechen zu können – denn ich möchte, dass sie glücklich sind und sich nicht durch die (viel zu laute) Meinung anderer definieren.
  11. Warst du schon immer „Plus Size“ oder gab es einen Grund für eine Gewichtszunahme?
    Nein ich war schon immer „kräftig“ – nie krankhaft übergewichtig – aber immer so an der Grenze zum Übergewicht, dass man mir sagte „Pass doch etwas auf, was du isst! Treib mehr Sport!“ Besonders meine Mama hatte/hat da immer ein Auge drauf, weshalb ich mich nie ungesund ernährt habe und das mir mit dem Asthma mögliche Pensum an Sport gemacht habe. Manchmal ist es, als wolle mein Körper gar nicht abnehmen. Ich weiß, dass sagen vielleicht viele Übergewichtige über sich, dennoch musste ich schon immer das 4-5fache tun, um nur ein Kilo zu verlieren – und ich bin 22. Das sollte nicht schon seit Jahren meine Hauptsorge sein, eigentlich – war es aber.

  12. Hast du jemals eine Situation erlebt, wo du dich durch dein “Übergewicht“ eingeschränkt oder weniger wertgeschätzt gefühlt hast? Magst du davon erzählen?!Sicher gab es Situationen. Besonders in der Schule – Kinder sind gemein. Ich wurde nicht gehänselt, aber trotzdem ist es doch immer wieder ein Angriffspunkt in einem Streit. Im Bus mit 14 als „Tine Wittler“ betitelt zu werden, prallt an einem nicht ab. Und sind wir mal ehrlich, wenn man mit sich und seinem Körper eh unzufrieden ist, so projiziert man das im Kopf in jede Ablehnung, die einem widerfährt, oder? Da braucht der Körper/das Gewicht gar kein Grund gewesen zu sein, man denkt trotzdem dass es daran liegt.
  13. Hast du schon einmal eine Diät gemacht bzw. etwas gegen dein „Übergewicht“ unternommen?Wie gesagt, meine Mama hat schon immer auf unsere Ernährung geachtet. Davon konnte es also nicht kommen – mein Übergewicht. Also versuchte ich seit ich etwa 11 bin alles um abzunehmen – ein Sport/Ernährungsprogramm, wo man mir sagte man könne an meinem Speiseplan nichts tun – der sei genau richtig so – und ein Zirkeltraining schlussendlich für zu viel Geld, was glaub ich zwei Kilo Abnahme brachte nach mehreren Monaten. Dann habe ich alle möglichen Shakes probiert, dickflüssige, mehlige – alles Mögliche. Ich hab Weight Watchers probiert und die Dukan Diät (Verzicht von Kohlenhydraten/Zucker und Fett komplett) – es stellten sich zwar immer mühevoll erarbeitete Erfolge ein, doch leider hielten sie nicht lang an oder waren nicht in den Alltag zu integrieren.
    Wer jetzt denkt, ich hätte Sport vergessen, irrt. Ich glaub ich war schon in 3 oder 4 Fitness Studios (nicht nur zur Anmeldung *lach*), verliebte mich in Zumba und Yoga, ging regelmäßig schwimmen… ihr seht – die Hälfte meines Lebens ist schon vollgepackt mit sowas.
  14. Würdest du dich schlank wünschen, wenn du könntest?Es wäre gelogen, wenn ich jetzt nein sagen würde. Aber das liegt vor allem daran, dass schlank sein für mich immer als ein Synonym für „Zufriedenheit“, „Glücklich sein“ und „Schönheit“ stand. Heute bin ich mir nicht mehr sicher, ob das nicht ein Trugbild ist. Alle diese erstrebenwerten Eigenschaften fangen zuerst in deinem Kopf an und ich ich sehe so viele schlanke, schöne Frauen, die sich selber nicht so sehen. Das ist traurig. Sagen wir ich würde mich gern „glücklich“ wünschen – von jetzt auf gleich und vollkommen 🙂
  15. Hast du Tipps für Mädels/Jungs, die auch (Plus Size) Modeln möchten?EINFACH PROBIEREN. Seit ich das mache, kommen einige meiner Freunde – vor allem nicht-übergewichtige – und sagen mir, dass sie schon länger als Modeln dachten, ob ich Tipps hätte, ob ich helfen kann. Habt ihr was zu verlieren? Macht schöne Bilder von euch, schickt sie zu Agenturen und die, die seriös sind, wollen von euch auch kein Geld. Also steckt ein bisschen Herzblut rein und wenn man etwas wirklich will, dann kann man das auch 😉
  16. Was würdest du sagen, ist die wichtigste Botschaft, die du als Plus Size Model/Bodypositivity-Unterstützer gern vermitteln würdest?Wenn man das jetzt nicht schon gemerkt hat, muss ich euch mal schütteln: LIEBT EUCH. Ihr dürft euch mögen! Ihr sollt euch mögen! Erst wer sich liebt, kann die Schönheit in anderem sehen und kann andere lieben. Also tut euch selber den Gefallen und mäkelt nicht dauernd an euch rum. Seht euren Körper als etwas Einmaliges und Schützenswertes. Kümmert euch um ihn, pflegt ihn, fordert ihn mit Sport, verwöhnt ihn mit gutem, gesunden Essen und tut eurer Seele den Gefallen zufrieden mit dem Hier und Jetzt zu sein. Lebt nicht in der Zukunft. Ihr habt nur dieses eine Leben und macht das Beste daraus.
  17. Hast du ein Vorbild, das dich in deiner Modeltätigkeit bestärkt?Ich liebe liebe liebe Ashley Graham und Angelina Kirsch. Eine in Amerika, die andere in Deutschland verkörpern für mich das Motto „I am Size SEXY“ vollkommen. Sie sind schön, erfolgreich, intelligent und zeigen sich mit einem unglaublich beneidenswerten Selbstbewusstsein. SO möchte ich sein. Ihr beiden seid eine wahre Inspiration.

  18. Wie sieht dein weiterer Weg aus? Hast du geplante Projekte, Pläne, Wünsche im Zusammenhang mit dem Plus Size Modeln?Ich würde so gern noch sehr lange weiter Modeln, vielleicht irgendwann in Richtung Selbstbewusstseins-Coaching auch in dieser Richtung in der Psychologie arbeiten. In näherer Zukunft stehen erstmal tolle Shootings im April und Mai an – ich sage nur Frühling, JUNAROSE und Pferde *_* ich freu mich schon sehr. In den nächsten Wochen darf ich Bobby von Curvect bei der Organisation einer der ersten Plus Size Events in Wien helfen (mehr hier) und darauf freue ich mich unglaublich. Und dann (unabhängig vom Modeln) würd ich gern mein Bachelorstudium in Psychologie beenden und ganz bald mit dem Master beginnen. FINGERS CROSSED
(c) Elena Kramer Photography
(c) Hans Tschida Fotoworkshops

Habt ihr noch weitere Fragen? Stellt sie gern! Sagt mir eure Meinung und freut euch auf spannende Interviews mit interessanten und wunderbaren Menschen aus der österreichischen, schweizerischen und deutschen PlusSize-Community. Mal sehen wie die antworten.

Danke fürs Vorbeischauen.
Küsschen, Stephie

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