[WIEN] Theater-Tipp: Weiße Neger sagt man nicht

Meine Lieben,

ich war letztens im Theater – genauer im Theater an der Gumpendorferstraße (TAG) – und durfte dort die Fotoprobe vom brandneuen Stück „Weiße Neger sagt man nicht“ mit ansehen. Jetzt ahbt ihr wahrscheinlich schon dreimal beim schlimmen Wort „Neger“ geschluckt und auch ich zucke immer wieder. Doch eigentlich hätte man sich für dieses Stück kaum einen treffenderen Titel überlegen können – es ist nämlich ein einziges „Zusammenzucken“.

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(c) Anna Stöcher

Da ich natürlich möchte, dass ihr es euch selber anschaut, werde ich hier nicht zu viel verraten. Trotzdem kommt hier mein erster Eindruck:

Wie im TAG üblich, basiert auch dieses Stück auf einem Klassiker – nämlich auf “Der Talisman” von Johann Nestroy.  Trotzdem wurde daraus ein eigentlich stolz für sich stehendes Stück entwickelt. In „Weisse Neger sagt man nicht“ geht es vor allem um Vorurteile, Diskriminierung und die Konfrontation damit. Als Zuschauer beobachtet man die mittlerweile vertrauten Abläufe eines Assessment Centers einer in Österreich ansässigen Firma und die jobwerbenden Charaktere. Schnell wird allerdings klar, dass die in diesem Jobauswahlverfahren eingenommenen Rollen der Charaktere keinesfalls starr sind. Der Zuschauer muss mitdenken und sich vor allem auf zahlreiche Plot Twists gefasst machen. Man kann sich niemals sicher sein, dass es so ist/bleibt, wie es scheint.

Und genau dieser Aufbau spiegelt sich in der tiefgründigen Thematik des Stücks wieder.

  1. DIE JOBTHEMATIK: „Wem muss ich hier imponieren, um den Job zu bekommen?“ – „Wie stelle ich mich bestmöglich in den Mittelpunkt!“ – „Was sucht der Chef? Und wie kann ich ihm einreden, dass ich genau das bin, was er sucht?“ – „Was hintert mich daran der perfekte Kandidat für den Job zu sein?“
  2. DIE RASSISMUSKEULE: „Du bist anders! Aber ich gebe mir extra Mühe, dass du glaubst, es spielt für mich keine Rolle!“ – „Wird hier jemand bevorzugt?“ – „Wer wird hier benachteiligt? Vielleicht ich sogar!“ – „Ich bin ja kein Rassist, ABER…“ – „Meine Hautfarbe (dis)qualifiziert mich für…“
  3. DIE GLÄSERNE GESELLSCHAFT: „Muss ich das hier gerade tun? Ja, na aber ich will den Job ja!“ – „Was könnte dem Chef an mir nicht gefallen?“ – „Ich mache alles, was man mir sagt!“ – „Du musst SO sein!“ – „Genau das ist falsch an dir!“ – „ÄNDERE DAS! PASS DICH AN!“ – „Du willst doch den Job?!!“

All diese Fragen wirft dieses Stück auf, all diese Ausrufe treffen den Zuschauer in Mark und Bein. Ich kam nicht drum herum darüber nachzudenken, wie ähnlich meine zukünfte Jobsuche aussehen wird.
KONFRONTIERT mit Unzulänglichkeiten, die mich nicht zum perfekten Angestellten machen – BESCHÄMT durch den Rassismus, der sich bemüht extra nicht rassitisch zu sein – BLOSSGESTELLT durch Methoden, die behaupten DEN oder DIE RICHTIGE zu finden.
Für mich geht es in diesem Stück nicht nur um Vorurteile gegen Schwarze – was aber natürlich eine bedeutende und erschreckende Rolle einnimmt. Es geht auch um Vorurteile VON Höhergestellten und Gleichgestellten, Vorurteile zu schlechten Englischkenntnissen, arbeitenden Müttern und dem generellen Erscheinungsbild.

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(c) Anna Stöcher

Immer wieder stell ich mir die Frage „Wann ist es genug? Was ist zu viel des Guten? Wie viel ist zu viel?“… Und das Stück eskaliert mit all diesen Fragen und findet einen explosiven Abschluss.

An meine lieben Wiener: SCHAUT EUCH DIESES STÜCK AN. Letzten Samstag war Premiere, also sollte es für jeden von euch ausgehen, mindestens einmal vorbeizuschauen. Dieses Stück ist etwas für jemanden, der das Theater gern noch danach gedanklich mit nach Hause nimmt, der raffinierte Stücke schätzt und großartige Charakter-Schauspieler bewundert.

Hier ein Interview mit der Regisseurin:

Ihr merkt, ich bin völlig begeistert. An dieser Stelle möchte ich mich beim TAG – besonders bei der lieben Patrizia – für die tolle Möglichkeit bedanken und für jede ausführliche Antwort auf meine Fragen. Danke auch an das Facultas, denn auch ohne euch wär dieses tolle Stück vielleicht völlig an mir vorbei gegangen.

Mehr Infos:
http://dastag.at/produktionen/weisseneger/

TAG
Theater an der Gumpendorfer Straße
Gumpendorfer Straße 67
1060 Wien
Tel: +43 / 1 / 586 52 22

Und da ihr jetzt bestimmt alle Karten kauft, verabschiede ich mich jetzt hiermit. Genug geschwärmt.

Küsschen, eure Stephie

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