Die Sache mit der Schuld – Lipödem Gedanken

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Ihr Lieben,

nach dem eher praktischen Lipödem-Posting der letzten Woche – wo es um das Überleben in Kompression bei Hochsommer-Temperaturen ging – folgt heute eher ein etwas persönlicherer Beitrag über ein Thema, was mir in letzter Zeit immer öfter durch den Kopf schwirrt.

 

Nach der Diagnose ist erst einmal Gefühlschaos angesagt. In meinem ersten Lipödem-Post habe ich versucht euch zu erklären, welche zwei Gefühlsachterbahnen ich zu der Zeit durchgemacht habe. So langsam ist der „Alltag“ mit der Krankheit eingekehrt, auch wenn man sich daran wohl nie richtig gewöhnt. Ich esse seither vegan, verzichte auf die Antibabypille, nehme Schüßler Salze, Zink, Selen, Steinkleekraut-Tropfen, gehe regelmäßig schwimmen, trinke einen speziellen Tee vom Heilpraktiker und und und… Manchen Lipödem-Mädels wird jetzt der Schweiß auf der Stirn stehen: „Warum macht sie das? Davon hab ich ja noch nie gehört?!“ – so geht es mir zumindest immer, wenn ich höre, was die anderen machen. Denn eines sei gesagt: es gibt keinen richtigen Weg, kein richtiges Medikament und keine Gewissheit, was bei wem hilft. Ich gehöre zu der Sorte Patienten, die sämtliche Möglichkeiten ergoogled und versucht jeden Tipp zu berücksichtigen. Natürlich gibt es Sachen, die mir mit meinem Mini-Medizinwissen unlogisch erscheinen – dann google ich da hinterher und entscheide dann, ob das Hilfsmittel etwas für mich ist. Aber ihr seht – da fängt es schon an mit der Schuld: ich habe immer Angst, zu wenig zu tun – eine Möglichkeit zu verpassen.

So war das auch schon zu meinen „Diät-Zeiten“. Jede neue Möglichkeit Gewicht zu verlieren, nahm ich dankend an. Mit dem Älterwerden wurden die Versuche zwar biologisch/medizinisch fundierter, aber am Anfang stand immer dieser kindliche Gedanke: „Jetzt wird alles anders! Nach dieser Diät fängt das Leben an!“. Entsprechend enttäuscht war ich dann immer, wenn der Erfolg aus- und das Leben gleichblieb. Statt an der Methode zu zweifeln, zweifelt ich an mir. An meiner Disziplin, an meinem Willen, an mir als Person. – dieses Rad drehte sich ein- bis zweimal jährlich und das über bestimmt 12 Jahre. Es hat sich quasi eingebrannt.

Und das merke ich auch nun bei der Diagnose Lipödem wieder. In meinem Kopf werden in letzter Zeit wieder die kleinen Männchen aktiv, die mir einflüstern, ich mache das nicht gut. Sie reden mir Zweifel ein, ob ich wirklich krank und nicht nur faul bin. Ab und zu huscht der Gedanke vorbei, ob ich nicht wieder eine Ausrede gefunden habe – quasi die ultimative Resignation. Sicher, niemand möchte freiwillig krank sein! Auch ich nicht! Doch irgendwie hat mich die Diagnose von der Schuld befreit – diese Schuld doch die faule, in Völlerei lebende Dicke zu sein, die einfach zu undiszipliniert ist eine Diät und ein Sportprogramm durchzuhalten. Mir ist eine enorme Last von den Schultern gefallen. Wir wissen alle, dass das Bild von Dicken in der Gesellschaft nicht der Wahrheit entspricht – dass diese „faule Dicke“ ein verschwindend kleiner Teil der „Gruppe“ ist. Adipositas ist so viel komplexer.

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Doch plötzlich war ich dieses Stigma los – hatte ein neues – „krank“. Ich empfand es irgendwie als „besser“, auch wenn ich natürlich lieber gesund wäre. Aber diese Männchen in meinem Kopf fragen oft: „Hast du das neue Label überhaupt verdient? Vielleicht bist du doch einfach nur faul! Vielleicht hast du jetzt für dich eine tolle Ausrede gefunden!“ Ich weiß, wie bescheut das klingt. Und ich weiß auch, dass es die ärztliche Diagnose ohne Fundierung in Frage stellt. Und ich weiß, dass die Schmerzen, die blauen Flecken und die krankhaften Dellen an meinen Beinen und Armen solche Gedanken überflüssig machen. Doch sie sind da. Diese Gedanken. Diese Schuld, vielleicht wieder faul zu sein. Diese Schuld, sich einfach nicht genügend angestrengt zu haben.

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Keinesfalls möchte ich hiermit sagen, dass Lipödem-Patienten an irgendwas Schuld sind. Oder auch adipöse Menschen sich irgendwie schuldig fühlen sollten. Ich war schon immer jemand, der den Fehler bei sich suchte – egal ob die Situation beeinflussbar war oder nicht. Aber diese Gedanken führen dazu, dass ich besonders im ärztlichen Kontext dazu neige, nicht das zu fordern, was angebracht wäre. Meine Armkompression zum Beispiel – 3 (operierende!) Ärzte haben bisher gesagt, dass das nicht sein muss. Das war mir bisher ganz lieb. Doch mittlerweile werden mir die Arme immer schwerer und ich merke, wie der Umfang mehr wird (Lipödem ist ja diagnostiziert, wenn auch Stadium 1 noch). Aber zu sagen „ich brauch da jetzt Kompression“ fällt mir schwer. Vielleicht hab ich die gar nicht „verdient“ – vielleicht geht es anderen schlechter und ich jammere auf hohem Niveau – wenn die Ärzte sagen, sie würden keine Kompression für die Arme machen. Auch wenn ich bisher keinen Grund gehört habe, warum nicht.

Ihr merkt, die Zweifel an mir und die Schuld – das sind so Sachen in meinem Leben, die ziehen sich durch. Es geht mir auch nicht immer so. Es gibt einfach Phasen, da sind diese Gedanken dominanter und manchmal nicht. Ich hoffe, ich konnte euch erklären, was gerade in meinem Kopf so abgeht und vielleicht entdeckt sich der ein oder andere ja in einem Gedanken wieder. Nur immer in die Kamera lächeln, wäre gelogen.

Küsschen, eure Stephie

 

Danke an dieser Stelle an medi GmbH für diese tolle Kompressionsstrumpfhose medi mondi in der Farbe mintgrün. Und an meine liebe Dani von Mesocurvy fürs Fotos machen.

4 Kommentare

  1. …Och Mönsch Stephie….

    wieso schreibt Du immer über MICH? ❤

    Ich muss dazu gar nicht so viel wiederholen. Über die Zeit habe ich lediglich gelernt: alles hat SEINE ZEIT. Und sich selbst unter Druck setzen ist sehr, sehr kontraproduktiv. Ich bin zunächst einmal mega glücklich, dass ich überhaupt wieder alleine schwimmen gehe. Für mich ein Riesending.

    Durch Zufall bin ich letzte Woche auf etwas gestoßen, was mich nachdenklich gemacht hat und dem ich nachgehen werde:

    Am Freitag, 10.8., meldete sich mein Tinnitus zum ersten Mal. Ab zum HNO! Sie verschrieb mir Cortison und durchblutungsfördernde Tabletten. Und damit "strotzte" ich vor Energie! Ich ging zweimal täglich in den Lymphomaten und fühlte mich leicht und beweglich. Nicht nur durch den Lymphapress – sondern generell! Ich fuhr Fahrrad und machte zu Hause Dinge, die schon lange auf der Agenda standen. Und ich nahm sage und schreibe innerhalb von 5 Tagen 3 kg ab. WTF??

    Ich will damit sagen, dass die Lösungen manchmal naheliegend sind bzw. uns auf unseren Wegen begegnen – in einer Art und Weise, auf die wir von selbst nicht kommen. So wie eine Freundin mal sagte: Jana…nicht ich finde meine neue Wohnung – meine neue Wohnung wird MICH finden!
    Vielleicht ist da etwas wahres dran.

    Dem Durchblutungs-Ding gehe ich nach und werde berichten.

    DANKE für deine Gedanken!

    :-*

    Jana

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